Spirit Tour 2019 — Update 27.5.

Am Morgen verabschiedeten wir Bikerpfarrer Georg von der Schwäbischen Alb und Kradapostel Andreas. Wir taten dies zusammen mit dem sympathischen Team des Hauses Lutzenburg bei Urbach mit einer bewegenden Andacht.

Wir besuchten die Redaktion der Motorradpresse, Europas größte(r) Motorradzeitschrift(en) in Stuttgart.

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Dort hatten wir eine Begegnung mit dem Autor und Redakteur Ralf Schneider. Er ist Historiker und Politologe und machte aus seiner Motorradbegeisterungen einen Beruf.

Er zeigte uns die „heiligen Hallen“ in der Tiefgarage mit der Werkstatt, in welcher Motorräder im Rahmen von Langzeit-Praxis-Tests untersucht werden.

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Das Gespräch mit ihm wurde von uns vorab gründlich vorbereitet und drehte sich um die Themen Motorrad, Ökologie, insbesondere E-Mobilität und Ethik.

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Seines Erachtens gibt es einen derzeit nicht lösbaren Konflikt zwischen ökologischen Maximalzielen und physikalischen Rahmenbedingungen. Es herrsche zurzeit eine Optimierungslogik im Hinblick auf Leistung, Geschwindigkeit, Preis und steigender Gewinnerwartung der Hersteller.

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Für die erwünschte Energie- und Mobilitätswende brauche es ganz neue Konzepte, die jetzt noch nicht in Sicht sind.

Kradapostel Holger kommentierte: „99% aller Motorradfahrer brauchen nicht mehr Leistung, als sie bereits haben, für das persönliche Glückserleben beim Motorradfahren. Kradapostelin Kate mit 390 ccm und 44 PS belegt dies.“

Kradapostel Frank (Möwes) differenziert: „Es gibt unterschiedliche Anforderungen an Mobilität: bei langen Motorradreisen, beim Leben in der Stadt und im Gegensatz dazu auf dem Land ohne ausreichenden öffentlichen Nahverkehr. Darum gibt es auch verschiedene Märkte für Motorräder.“

Zugleich widersprechen die zunehmenden Leistungen der Motorräder der immer stärkeren Reglementierung des Straßenverkehrs. Die Faszination PS lasse sich im oberen Bereich nur noch auf der Rennstrecke ausleben. Hier gibt es auch einen „extremen“ Renntourismus in ganz Europa für die „artgerechte“ Nutzung der Renntechnik, die gleichzeitig für den Straßenverkehr zugelassen ist. Aber: Während mittlerweile von einer Aprilia die 220 PS Marke erreicht wurde, wird trotzdem das Gesamtkonzept und damit die Alltagstauglichkeit eines Motorrades immer wichtiger. Diese werden meist verkauft. Es gibt auch einen Trend zum „Downsizing“, mit kleineren, sparsameren und handlicheren Maschinen.

Dann loteten wir im Gespräch mit dem Motorradredakteur mit wissenschaftlichem Hintergrund die Ähnlichkeiten von Glaube und Motorradfahren aus. In beiden Bereichen gibt es zweifelsohne irrationale Momente. In Anstrengung und Ungemütlichkeit, sogar in der Gefährdung wird Glück empfunden. Ralf Schneider ist dabei überzeugt, dass Motorradfahren an ganz archaische Bewegungs- und Jagdinstinkte aus der Frühzeit der Menschheitsentwicklung anknüpft, ähnlich wie beim Skifahren. „Es gibt eine archaische Lust an dynamischer Bewegung mit mehreren Beteiligten. Körperliche Bedrohungsgefühle werden in die „Flucht nach vorn“ umgesetzt.“ Dadurch ergibt sich eine intensive Wahrnehmung von Leben. Verwandt dazu ist der Anti-Aging-Effekt: Motorradfahrer halten ihre Instinkte und Reflexe wie körperliche Belastungsfähigkeit jung, bzw. versuchen es. Sie wollen nicht alt werden.

Etliche Spirit-Tourer fühlten sich sofort an die gestrige Einführung in die Psychotraumatologie erinnert. Es passte gut zusammen, was sie von verschiedenen Seiten hörten.

Im weiteren Verlauf fragte der Motorrad-Denker dann uns, wie wir mit dem Dilemma umgehen: Auf der einen Seite muss man als Motorradfahrer Grenzbereiche austesten, um im „Normalbetrieb“ sicher fahren zu können. Darf man Grenzen austesten, sich aus der „Komfortzone“ raustrauen und dabei auch Gefahren für sich und andere eingehen?

Die Spirit-Tourer erwiderten hier sehr schnell spontan: Ja, und zwar im Fahrsicherheitstraining unter Anleitung auf geschütztem Gelände. Ja, mit Spezialisten zum Beispiel auf der Spirit Tour von Flensburg bis ins Kleinwalsertal mit Holger und Frank (Danke für die Wertschätzung! FW). Ja, mit allmählichem Herantasten in homöopathischen Dosen an das dynamische Fahren.

Die Gruppe verließ Stuttgart im Konvoi super koordiniert nach einer kleinen spirituellen Einheit zur Achtsamkeit — trotz gelegentlich aggressiver Autofahrer. Die Chopper fuhren flüssig mit, auch wenn mancher es sehr anstrengend fand. In der Luft lag bald der Geruch von Blumen, nachdem wir in Franken Heu und Waldluft geschnuppert hatten. Alles super.

Abend, in unserer Unterkunft in Rastatt angekommen, bekam Kradapostelin Kate von den Spirit Tourern Matthias und Wolfgang Support, indem ihre Kette neu gespannt und geölt wurde.

Die Spirit Tourer sondierten auch die heutige Begegnung mit dem Insider der Motorrad-Szene. Das Ergebnis war:

Das riesige Verlagshaus der Motorradpresse und seine Stimmung erinnerte uns an die großen kirchlichen Verwaltungsgebäude in Hannover und Frankfurt: Ressourcen werden knapp, die Mitarbeitenden haben wenig Zeit und arbeiten an oder über der Belastungsgrenze. Sie haben aber die tollen und dynamischen Themen, zudem auch die Bewusstheit dazu. Es wird viel geleistet mit wenig Menschen. Beim Artikel “Oh my God!” in der Motorrad 12/2019, S. 6 fiel uns auf: Die Veröffentlichungen haben Premium-Bilder, Texte könnten tiefgründiger sein ohne länger zu werden. Super Themen oder wunderbar schöne Bildmotive dienen häufig nur als „eye-catcher“.

Kirche und Verlagshaus wissen beide nicht, wie es in Zukunft jeweils in ihrem Bereich realistisch und zugleich richtig gut weitergehen könnte.

Kradapostel Holger, konsequent praktizierender Vegetarier, stellte die ökologische Debatte um das Motorradfahren in einen größeren Kontext: “Wer auf Fleisch und andere Tierprodukte verzichtet, spart so viel CO2 ein, dass er ein Leben lang Motorrad fahren könnte und dann immer noch einen kleineren CO2-Fußabdruck hätte als ein Fleischkonsument. Klare Sache!”

Nach dem Essen vertiefte die Gruppe den gestrigen Bildungsabend zur Psychotraumatologie mit einem Workshop in sehr vertrauensvoller Atmosphäre.

Ein Kneipenbummel in Rastatt entfiel, weil die Lokale früh geschlossen oder vom Fußball eingenommen wurden.

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Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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