Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 8.6.2020

Gestern habe ich versucht, in kurzen Worten die Perspektive des Grundanliegens der Reformation ins Spiel zu bringen. Ich gebe zu, es klingt beim ersten Lesen vielleicht etwas sehr theoretisch und theologisch. Aber es ist so wichtig! In diesen tiefen und zugleich kognitiven Bewusstseinsschichten, den “impliziten Axiomen”, entscheidet sich, wie wir uns zum Leben und im Leben verhalten.

Darum: Jetzt will ich das theologisch Grundlegende mit euch zusammen anwenden:

Wenn der historische Konfliktauslöser, der Ablass, bedeutet, dass der leistungsfähige Mensch das ewige Leben bekommt, die Daseinsberechtigung, den Wert, die Würde und den Sinn und die Reformation genau dem widerspricht, dann muss und will ich auch “Nein” sagen zu jedem Versuch, die Menschenwürde oder das Leben an sich dem wirtschaftlichen Gewinn zu opfern. Dann muss man mit dem Ethischen Rat in Bayern, dem auch unsere ehemalige Oberkirchenrätin Susanne Breit-Kessler angehört, sagen, die sogenannte “Triage” ist ein “NO-GO”. Menschen dürfen nicht über Leben und Tod anderer entscheiden und dies in eine Relation zum wirtschaftlichen Funktionieren unserer Gesellschaft stellen. Hier gibt es eine klare Kante gegen die neo- und wirtschaftsliberalen Kräfte in der FDP und den Populisten in der AfD und übrigens auch gegen den Tübinger OB Palmper von den Grünen.

Die Menschenwürde ist unveräußerlich und unbedingt. Punkt. Sie ist die weltliche, nicht-religiöse Haltung, die der biblischen Gottebenbildlichkeit des Menschen entspricht. Ob religiös oder nicht-religiös ausgedrückt: Hier geht es um den Grundbestant der jüdisch-christlichen Identität unserer Kultur und um den absoluten Grund der je eigenen Würde, des Trostes und letztlich auch des ewigen Lebens. Es ist ein Geschenk und kein Verdienst!!!

Allerdings wird dabei auch indirekt klar, dass das religiöse Ansinnen, sich seine Würde selbst zu sichern aus dem Reich der Religion in das Reich der Wirtschaft gewechselt hat. Darum hat der real existierende Kapitalismus so viele quasi-religiöse Facetten: “Ich komsumiere, also bin ich und bin wertvoll.”

Die Börse und der Gewinn liefert die Letztbegründung von Sinn, in dem, was wir wirtschaftlich tun.

Auf diesem Hintergrund ist es geradezu großartig, dass in den letzten acht Wochen, das Retten von Menschenleben die oberste Priorität hatte.

Das ändert sich nun. Anderen fällt es auch auf. Die Lage wird unübesichtlich: Ein vernünftiges Hinweisen darauf, dass Menschenrechte auch etwas mit Menschenwürde zu tun haben und wir sehr wichtige Abwägungen von Grundrechten sehr besonnen angehen müssen vermischen sich mit Verschwörungstherorien und Fragmenten eines kollektiven Verfolgungswahns.

Mir scheint, das Brett, das wir bohren müssen, ist dicker als wir dachten. Der ethische Konflikt der Corona-Zeit gründet tiefer als der Widerspruch zwischen Menschenwürde und neoliberalem Profit. So sympathisch und in vielem richtig die Analyse von Jan Korte auch ist …

… global gesehen werden die Armen dieser Welt die Last des Herunterfahrens der Wirtschaft am stärksten wahrnehmen …

Dies wird Menschenleben kosten. Wir sind über Ausbeutungsstrukturen schon längst in der Situation der “Triage”, s.o., die wir ja eigentlich vermeiden wollten. Hier steht Lebensrecht gegen Lebensrecht, Menschenwürde gegen Menschenwürde. Peinlich berührt wenden wir unseren Blick ab, wenn die zu uns kommenden Menschen auf der Flucht uns an diese Zusammenhänge erinnern.

Der einzige, der meines Wissens, dies öffentlichkeitswirksam “auf dem Schirm hat”, ist Entwicklunsminister Gerd Müller. Von der CSU! Verrückte Zeiten, in denen die Analyse eines CSU-Politikers “linker” reflektiert als die demokratische Linke, die im Bundestag vertreten ist.

Ich beende nun den Corona-Blog mit diesem Hinweis. Ein neues Kapitel beginnt. Morgen in einer Woche beginnen wir wieder mit den Gottesdiensten in der Kreuzkirche. Zugleich will ich an dem Thema “Gesundheit-Armut-Reichtum” dranbleiben. Dazu gibt es morgen mehr.

Neugierig? Das würde mich freuen! Bis morgen, seid behütet und bleibt gesund, euer

Frank

Written by

Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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