Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 30.4.2020

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an der Walserschanze

So eine kleines Schild an der Brücke der Walserschanze!

So ein großes Symbol, das von einer schier ungreifbaren Wirklichkeit dahinter mit Bedeutung und Kraft gestützt wird! … und wann endlich gestürzt wird?

Wer Nationalstaaten und Grenzen sät, wer deren Bedeutung wässert und düngt, erntet Krieg. Dieser wird diplomatisch, militärisch oder wirtschaftlich ausgefochten.

Gott sei Dank! Wir dürfen auch einer alternativen Dynamik folgen. Im Kleinwalsertal wird sie wahrnehmbar.

Im einzelnen: Gestern hatte ich folgenden Text verfasst und u.a. an den Bayerischen Rundfunk gemailt:

Bitte macht die Walserschanze auf! Corona lokal und global: Politische Perspektiven statt Dominanz der Exekutive

Am Sonntag-Nachmittag, den 15. März 2020 war ich in den Bergen und wanderte abseits der Skipiste. Ich besuchte auch das Bergrestaurant und beobachtete mit Abstand die Menge der Gäste. Um 16 Uhr ging es mit dem Lift der Ifenbahn wieder ins Tal hinab. Zeitgleich leerte sich das Kleinwalsertal, ebenso wie andere Wintersport-Destinationen.

Schon Tage zuvor war der Ernst der aufziehenden Pandemie offensichtlich. Im Privaten hielten wir uns bereits an Einschränkungen, die später verpflichtend wurden. Auf dem Hintergrund des Massentourismus ist es ein Geschenk Gottes, dass das Kleinwalsertal von Corona-Erkrankungen verschont geblieben ist.

Danach ging das ganze Kleinwalsertal in den Shut-Down. Die Talbevölkerung verhielt sich sehr besonnen, diszipliniert und ressourcenvoll. Zeit und Ruhe wurden genossen. Als Seelsorger zolle ich den Kleinwalsertalern Respekt.

Die politische Gemeindeverwaltung hat im Sinne verantwortungsvoller Daseinsvorsorge alles gut begleitet.

Die lokalen Sozialdienste haben sich auf die neue Situation eingestellt und kümmern sich in bewährter Weise weiter um das Wohlergehen aller Altersgruppen.

Kirchen und Gemeinden diesseits und jenseits der Walserschanze sind von der analogen zur digitalen Kommunikation des Evangeliums und der seelsorgerlichen Angebote gewechselt. Es fügte sich gut.

Nun, Wochen später, regt sich Besorgnis. Verantwortliche vor Ort merken: Nicht demokratische Volksvertreter entscheiden in wichtigen Belangen, die das konkrete Leben betreffen, sondern die Exekutive, also ausführende Verwaltungs- und Ordnungsorgane. Institute, Ämter und Polizei haben das Sagen oder Regierungsgremien, die in den nationalen Verfassungen gar nicht erwähnt werden.

Der Überhang der Exekutive schadet

- den Kleinwalsertalern, die seit Wochen eingesperrt sind,

- der Demokratie und

- dem „Friedensprojekt Europa“, das im Kleinwalsertal lebendig ist.

Ich kann mich erinnern, dass ich an der Kanzelwand zur internationalen Älplerletze in einem ökumenischen Berggottesdienst zur Völkerverständigung gepredigt hatte. Der Altar stand in Vorarlberg/Österreich. Die Gemeinde, über 2000 Teilnehmende samt Alphornbläser, saß in Bayern/Deutschland. Die Grenze war unsichtbar. Europa wurde als Versöhnungsprojekt, das im Kleinwalsertal lebendig ist, erlebt.

Der Europaabgeordnete Markus Ferber, ein Gottesdienstbesucher, widersprach dem Gesagten in seinem Grußwort nicht — im Gegenteil.

Und jetzt?

Nie hätte jemand gedacht, dass die „Walserschanze“, die Staatsgrenze zwischen Deutschland und Österreich, abgeriegelt werden würde. Es macht keinen Sinn. Bayern und Vorarlberg bzw. ganz Österreich pflegen ja einen ähnlich strikten Umgang in der Corona-Pandemie und weisen ähnliche Erfolge in der Corona-Bekämpfung auf! Trotzdem abgeriegelt. Warum? Das kann nicht sein! Europa soll und will doch zusammenwachsen!

Nicht nur die Allgäu-Rundschau am 29.4. hat den Eindruck, dass das Handeln und Entscheiden zurzeit zu wenig von gewählten Delegierten in demokratischen Gremien bestimmt wird. Das schadet der Demokratie und dem „Friedensprojekt Europa“ und dem Kleinwalsertal.

Deshalb bitte ich dringend, die Walserschanze (und auch die Grenze zu Jungholz) zu öffnen

- für den Alltag der Einheimischen,

- für einen sanften Tourismus und

- für ein kirchliches Leben, das halb Europa im Tal und auf den Bergen zum Gottesdienst vereint. Ich habe Vergleichbares selten erlebt.

Hoffentlich kommt bald die Zeit, um differenzierter die Corona-Situation besprechen und analysieren zu können. Nichts darf uns vom Denken, Analysieren und vom Einsatz für Demokratie und Menschenrechte abbringen!

Zugleich will deutlich werden, dass die Corona-Pandemie ein Teilaspekt des Problems der ungleichen Verteilung von Armut und Reichtum ist. Die allermeisten Menschen, die an der Pandemie sterben, werden nämlich die Armen sein. Dies betrifft zum einen die jeweiligen Nationalökonomien aber vor allem besonders arme Gesellschaften im „globalen Süden“. Wer, außer dem deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller und wenigen anderen, wird hierzu etwas Hilfreiches sagen?

Covid 19 ist eine Frage von Leben und Tod. Das wird täglich deutlich. Allerdings trifft dies auf die Frage von Armut und Reichtum auch zu, umso mehr wenn Virus und Armut zusammenkommt.

Jesus erinnert uns durch seine Bergpredigt im Hinblick auf die Verteilungsfragen von weltweitem Kapital und Wirtschaftskraft an den programmatischen Gegensatz von “Gott oder Mammon”.

Wo stehen wir?

Ein positiver Lerneffekt der Corona-Krise wäre: Wir können gemeinsam entschlossen handeln. Mit dieser entschlossenen Gemeinsamkeit können wir auch die anderen globalen Probleme in Projekte verwandeln. Ich will meinen Beitrag dazu leisten auch für meine Enkeltochter und für alle Kinder, die nach uns diesen wunderbaren Planeten bewohnen werden.

Ich nehme wertschätzend wahr, dass die politische Gemeindevertretung im Kleinwalsertal sich für den Gedanken der regionalen Verantwortung und der Nachhaltigkeit im Herzen Europas stark macht.

Wir im Kleinwalsertal möchten Sie wieder zu uns einladen können. Hoffentlich bald!

Herzliche Grüße, Ihr und euer Frank Witzel

Heute kam kam die Nachricht:

zugleich gilt auch:

Ziel bleibt, dass die Grenze, wie bisher, eine symbolische ist.

Wir nehmen die Erleichterungen wahr. Die Grenzen, die Corona manifestierte, beginnen wieder durchlässig zu werden.

Wir nähern uns im Jahreskreis allmählich dem Pfingstfest. Manche sagen, dies ist der Geburtstag der Kirche, die aus vielen verschiedenen Nationen und sozialen Gruppen heraus entstand. Auf jeden Fall verstanden sich vor ca. 2000 Jahren in Jerusalem sehr viele aus verschiedenen Nationen und Sprachgruppen sehr gut. Die Apostelgeschichte in der Bibel erzählt im 2.Kapitel davon in legendarischem Sprachgewand unter der Überschrift “das Pfingstwunder”.

Ich bitte Gott um seinen Segen, damit das Pfingstfest auch in der Gegenwart Wirklichkeit wird.

Morgen blicken wir auf ein anderes Fest, einen weiteren Feiertag. Dieses Mal ist er nicht kirchlich. Aber er ist durch und durch christlich. Die Welt hat in dem inneren Gehalt dieses Festtags einen wesentlichen Aspekt des Evangeliums verstanden.

Neugierig? Sehr gut!

Dann bis morgen!

euer Frank

Written by

Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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