Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 25.3.2020

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Einsamkeit kann schön sein — Der Ifen am letzten Tag vor dem Shut-Down im Kleinwalsertal

Aber das “Beziehungsfasten” in dieser besonderen Fastenzeit kann auch ganz schön schwierig werden. Es gibt nämlich auch Traumafolgereaktionen in der Corona-Krise.

Es sitzen viele Menschen zu Hause und warten darauf, dass die faktischen Ausgangssperren anlässlich der Corona-Krise wieder gelockert werden. Reduktion der sozialen Kontakte ist angesagt und verordnet, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Aber die Einschränkung sozialer Kontakte macht auch Angst.

Die meisten Menschen haben Verständnis für die notwendigen massiven Beziehungseinschränkungen, damit die Viren nicht weitergegeben werden können.

Viele Menschen macht diese Situation kreativ. Sie singen zum Beispiel als ein Akt musikalischer und freundschaftlicher Solidarität mit Italien das alte Partisanenlied „Bella Ciao“ von den Balkonen oder inszenieren es als digitalen Flashmob — zu Hause einzelnen und im Netz vereint. Berührendes und Witziges wird ersonnen und „viral“ geteilt. Sehr kreativ, sehr menschlich, sehr gesund!

Zugleich gibt es die Erfahrung bei anderen, dass Menschen im verordneten Hausarrest ganz unruhig werden, nicht schlafen können, mit veränderter Stimmlage nur sprechen, veränderte Stimmungslagen wahrnehmen, schwitzen, nervös und in ihren Gedanken ganz fahrig werden.

Die Psychotraumatologie bzw. die Traumatherapie nennt solche Reaktionen mitunter „Small-t-Trauma“. Das kleine „t“ steht für ein kleines Trauma, aber immerhin ein Erlebnis mit einer traumatischen Struktur.

Die Struktur eines kleinen Traumas unterscheidet sich nicht von einem „normalen“, großen „Big-T-Trauma“. Sie lässt sich mit folgenden Punkten grob umschreiben:

a. Ein Verlust von etwas, was du zum Leben brauchst, droht. Oder er ist sogar schon eingetreten.

b. Du kannst nicht gegen den Verlust ankämpfen. Du bekommst einfach nicht, was du existentiell vermisst, sosehr du dich auch anstrengst und darum kämpfst.

c. Du kannst aus der Situation nicht fliehen. Egal, wohin du dich wenden willst, der Verlust bleibt.

d. Du hast niemanden und nichts bei dir, der, die oder das dich trösten kann.

Dadurch gerätst du in einen Alarmzustand.

Kleine Babys erlernen diese Reaktion schon am Anfang ihres Lebens. Bei dir war es auch so!

Die gesamte Menschheitsfamilie hat es im Verlaufe ihrer Stammesgeschichte ebenfalls schon längst gelernt. Unsere Vorfahren, die als bestangepasste Individuen überlebt haben, speicherten es automatisch per Selektion in den Genen ab: Wir überleben besser in Gemeinschaft. Vereinzelung ist lebensgefährlich. Beziehung rettet.

Darum geraten wir automatisch in einen Alarmzustand, wenn wir allein sein müssen. Wir wollen dagegen ankämpfen, werden aktiv … und suchen Gemeinschaft und Beziehung.

Wenn das nicht klappt, spüren wir unsere innere Aktivität. Sie äußert sich als Nervosität und Unruhe. Finden wir keine befriedigende Lösung dabei, nähert sich der sogenannte „Totstellreflex“. Wenn es extrem wird, droht eine Depression. Gesellschaftlich akzeptiert aber ein wenig ungesund ist die Verwandlung in eine „Coach-Potatoe“: Essen, Trinken, Glotze gucken, nichts tun, dauernd abhängen, dick werden.

Nicht nur die Corona-Krise sondern tausend Situationen des Alltags zeigen uns: Wir brauchen Beziehung, sonst haben wir ein Problem. Das Abgeschnitten-Sein von Beziehung registriert unser Gehirn und unsere Seele als ebenso gefährlich wie das Nichtvorhanden-Sein von Luft, Wasser und Nahrung. Unser Gehirn und unsere Seele haben Todesangst. Wir merken oder verstehen es nur oft nicht mit unserem analytischen Wachbewusstsein, was da mit uns passiert. Darum reden wir über Trauma und Mobbing. Es soll verstanden werden, was da passiert.

Beziehung ist der Schlüssel zu einem guten, sinnvollen, glücklichen, kreativen und gesundem Leben. Darum hat Gott uns zu Beziehungswesen und Beziehungskünstlern erschaffen.

In unserem tiefsten Inneren wissen wir das.

Wir wissen gleichfalls tief in uns, dass wir in Beziehungsangelegenheiten sehr gut sind. Und wir können auch damit spielen, manipulieren … und ebenso schaden, wenn wir wollen. Darum sind Mobbing-Täter immer auch sozial kompetente und intelligente Menschen. Häufig sind sie darum zugleich mit einem moralischen Impuls oder Anspruch ausgestattet. Sie wollen, dass Beziehungen funktionieren,- für die eigene Bezugsgruppe oder für das eigene Interesse.

Positiv an dem verordneten Beziehungsfasten in der Corona-Zeit ist der Umstand, dass alle beziehungsmäßig mehr oder weniger auf Null-Diät gesetzt wurden. Wenn niemand da ist, funktioniert Mobbing nicht. Mobbing und Quarantäne schließen sich einander aus. Mitläufer, die eigentlichen Motoren der Mobbing- bzw. Sündenbock-Prozesse sind schlichtweg nicht anwesend.

Auch gut!

Written by

Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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