Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 19.4.2020

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Richtung Mahdtal im Kleinwalsertal

Die Grenzen sind eng gesetzt. Bartgeier sind im Kleinwalsertal zu sehen, Steinadler und Falken … neben den üblichen Heerscharen von Krähen. Die Natur scheint sich zu erholen vom Menschen. Mit einem Nachbarn habe ich mich heute, mit Abstand, darüber unterhalten

Wir nehmen, halb aus Einsicht, halb wegen der Strafandrohung, auch Abstand davon, in das Mahdtal zu wandern.

Es ist Sonntag, Tag der Ruhe, Tag der “seelischen Erhebung”. Anstatt meiner Worte möchte ich heute Georgi Gosponidow, 1968 geboren, Schriftsteller und Publizist in Sofia, Bulgarien, zu Wort kommen lassen. Ich zitiere aus seinem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 15.4.2020:

Wenn wir hier rauskommen …

Wir sind nicht Eigentümer, sondern nur späte Gäste auf der Erde. Am Ende der Corona-Krise werden wir ärmer, aber menschlicher sein

Vielleicht ist es … der rechte Zeitpunkt dafür. Einen Zettel an den Kühlschrank zu hängen für den Tag, wenn.

Wenn wir hier rauskommen — nicht vergessen unsere ganze Liebe zu der uns vorenthaltenen Welt mit nach draußen zu nehmen. Die Liebe, die wir gefühlt haben, solange wir eingeschlossen waren. (Die Welt, die einem vorenthalten wird, begehrt man am meisten.)

Wenn wir hier rauskommen — nicht verdrängen, was wir gerade erlebt haben. Denn es wird die Wasserscheide sein gegenüber den Tagen davor, die wir verloren haben. Es soll uns gemahnen darin, was passiert, wenn unser Anthropozentrismus keine Grenzen kennt und zum Anthropo-Egozentrismus wird, wenn die Gier sich industrialisiert. Was passiert, wenn wir vergessen, dass wir nicht Herren, sondern Kinder dieses Planeten sind, nicht Eigentümer, sondern Mieter, nicht mal Gastgeber, sondern späte Gäste in diesem Haus, Millionen Jahre nachdem es gebaut und der Tisch gedeckt worden ist.

Wenn wir hier rauskommen — daran denken, dass, nur ein paar Monate bevor uns die Pandemie ereilte, die australischen Wälder gebrannt hatten. An das Känguru mit den versengten Pfoten, den angesengten Ohren denken, das seine Retterin umarmt, getröstet werden will. Diese Umarmung zwischen Mensch und Känguru, Geste aus Trost und Vergebung, sollte die neue Ikone der Welt werden, … geeignet zur Ausmalung einer Sixtinischen Kapelle der Zukunft. Das ist die Offenbarung … . Damit wir begreifen, dass wir mit jedem Geschöpf auf dieser Welt, ob Delphin, Känguru, Schnecke, Biene, Ginkgo, Kirschbaum oder Hagebuttenstrauch, auf das Engste verbunden sind.

Wenn wir hier rauskommen, wird die Welt von gestern nurmehr in Büchern, Filmen und in unseren Träumen vorhanden sein. …

Aber nur das Vernünftigste, Einfachste, Wichtigste davon sollte wieder seinen Platz finden. …

Einen Teil jener Welt sollten wir im Gestern zurücklassen, denn sie war nicht von Sünden frei. Wir sollten uns das Wesentliche heraussuchen. Einfache Dinge wie: nicht zu verletzen, mitzufühlen, demütig zu sein …

Wenn wir hier rauskommen, dann sollten wir nur einen unsichtbaren Überlebenskoffer mit den nötigsten persönlichen Dingen bei uns haben … . Eine kleine Feldapotheke für nach dem Ende der Welt — der, die wir neu verfassen müssen, gemeinsam mit unseren Kindern, unseren Eltern, gemeinsam mit dem versengten Känguru und allen Lebewesen dieser Erde.

Wenn wir hier rauskommen, werden wir ärmer, aber menschlicher sein. …

Written by

Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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