Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 18.5.2020

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Sorry, ich will mich entgegen meiner Ankündigung doch noch einmal zu Corona melden …

Der Umgang mit der Corona-Pandemie hat schon etwas humorvolles, schrulliges und skurriles … wenn man Sinn für Situationskomik hat.

Also: Ich finde es lustig.

Allerdings finde ich es überhaupt nicht lustig, dass nun etliche Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden schießen bei warmem Wetter kurz nach dem Regen. Darum melde ich mich auch wieder zu Wort. Zuvor dachte ich nämlich, die Corona-Thematik wird nun allmählich abflachen und dem gewohnten Leben wieder Raum geben. Weit gefehlt!

Heute hatte ich ein längeres Telefongespräch mit einer Psychologin, die dienstlich “am Puls der Zeit” lebt und arbeitet. Wir beide teilten die Beobachtung, machten ähnliche persönlich verstörende Erfahrung, dass intelligente, aufgeklärte und gebildete Menschen, die leistungsfähig mitten im Leben stehen, zu Anhängern von Verschwörungstheorien werden. Es brennen bei ihnen alle rationalen Sicherungen durch. Sie sind auf der Grundlage ihrer “Bekehrung” zur “wahren und echten Erkenntnis” bereit, sehr einschneidende Entscheidungen für ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Lebenswege zu treffen. Ich finde es immer wieder gespenstisch, wahrnehmen zu müssen, wie dünn die aufgeklärte Fassade unserer Kultur und der kulturtragenden ZeitgenossINNen ist.

Es gab und gibt Situationen, da finde ich durchgeknallte Leute, die zum Beispiel nach Ufos Ausschau halten, putzig. Ich habe ja früher selbst gern Perry-Rhodan-Hefte gelesen und fand es schade, das ich nicht auch mit Gucki, dem Mausbiber, und einem Zellaktivator durch die Weiten des Universums reisen konnte. Dass dann Leute wie Ron Hubbard daraus eine Art Psychoreligion machen, sie Dyanetics nennen und unter dem Label “Scientology” allerhand Leute und auch Promis in ihre Ideologie einbinden, fand und finde ich bedenklich schräg. Aber es tangierte mich letztlich nicht. Sie waren für mich “brainwashed” wie Zeugen Jehovas, Ultraorthodoxe oder Fundamentalisten egal welcher Religion. Aus Neugier besuchte und fotografierte ich die Scientology-Zentrale in Hamburg, so wie ich auch andere touristische oder skurrile Besonderheiten anschaue.

Das ändert sich jetzt. Die nun auftauchenden Verschwörungstheorien sind nicht mehr lustig oder putzig.

Ich finde Hannah Ahrendts Beobachtung von der “Banalität des Bösen” sollte erweitert werden mit dem Stichwort der “Gefährlichkeit der gebildeten Dummheit”.

Als wir den Gemeindebrief “Mosaik”, Nr. 34 planten, wusste wir nicht, dass Corona auf uns zukommt. Wir wählten das Thema “Beziehungswaise”. Kurz darauf merkten wir, wie zentral dieses Thema durch den Shut-Down der Pandemie-Prophylaxe wird. Im Prozess des Schreibens und Redigierens wurden wir fast täglich neu damit konfroniert. Ich interpretiere die Themenwahl im Rückblick als ein prophetisches Ereignis. Während wir noch am Verfassen und Redigieren waren, wurde die Corona-Pandemie konkret und der Shut-Down vollzogen. Unsere Worte und Infos mussten sozusagen permanent nachjustiert werden, während die neue Situation aus uns selbst “Beziehungswaise” machte.

Einen der Hauptartikel redigierte ich mit dem Hinweis, dass politisch rechte Kräfte im Shut-Down statistisch nachprüfbar schwinden, weil die damit verbundenen Mobbing-Strukturen keine Energiezufuhr bzw. Aggressionsunterstützung erhalten können. Das “Social-Distancing” verhindert den stummen Beifall der Mitläufer beim Mobbing und lässt die Mobbing-Täter auf dem Trockenen sitzen.

Heute habe ich den aktuellen Gemeindebrief Nr. 34 in analoger Papier-Fassung zum Postversand gebracht.

Die Analyse im Gemeindebrief wurde von der Wirklichkeit überholt. Wir müssen ihn sozusagen weiter schreiben. Dies tue ich hiermit. Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen begünstigen nämlich nun erneut den Kontakt von Mobbing-Tätern und -Mitläufern. Sündenböcke haben darum wieder Konjunktur. Dabei ist es vollkommen egal, ob diese Sündenbock-Suche rational ist oder nicht. Die Kraft der Prozesse kommt aus unserer Seele. Sie interessiert sich nicht für objektive Tatsachen. Sie interessiert sich für Entlastungen und Aggressionsumlenkungen.

Leider.

In den schier unendlichen Zeiten der Entwicklung der Menschheitsfamilie war dies auch sinnvoll so. Automatisierte, stark vereinfachte Freund-Feind- bzw. Gefahr-Sicherheit-Einteilungen funktionierten schnell und intuitiv. Unsere Vorfahren überlebten, weil sie Denken und Abwägen auch sehr schnell abschalten konnten. Uns gibt es als Folge dieses erfolgreichen Mechanismus. An sich ist das ja auch gut so.

Mein Pfarrerskollege, der Publizist Werner (Tiki) Küstenmacher formulierte es bei seinem Besuch in der “Kirche zum Guten Hirten” in Fischen kürzlich so: “Ohne “Limbi” geht nichts. Und “Limbi” mag es einfach.” Damit meinte er das “Limbische System” in unserem Gehirn, das viel älter ist als unsere für die Vernunft zuständige Großhirnrinde mit dem dort ansässigen Wertesystem.

Doch dieser Mechanismus (“Limbi”), der uns in früheren Zeiten so viel geholfen hat, wird uns nun kollektiv abschaffen in einer komplizierter und vernetzter werdenden Welt mit einer Menschheit, die immer mächtiger wird. Wir brauchen bessere Mechanismen des Überlebens. Weil es aber ohne “Limbi” nicht geht, müssen wir ihn emotional erreichen und überzeugen.

Das ist die Rolle der Religion in der guten, menschen- und schöpfungsfreundlichen Variante. Ich bin darum traurig, dass unsere Kirche, die meines Erachtens einen guten Zugang zu “Limbi” und zugleich zu den guten Orientierungen für die Menschen und die ganze Welt hat, so an Schwindsucht leidet.

Wer nicht an den guten und liebenden Gott glaubt, glaubt an jeden destruktiven oder entmündigenden Quatsch.

Wenn ich nun daran denke, an welchen gedanklichen Quatsch die Nationalsozialisten glaubten und Rechtsradikale wieder glauben und wie destruktiv wirkmächtig dieser Quatsch wurde und wird, mache ich mir große Sorgen und werde wütend. Fassungslos bin ich zum Beispiel, wie mittelalterliche Verschwörungstheorien, die die Juden als Sündenbock wählten, sich über Jahrhunderte gehalten, den Antisemitismus verfestigt und letztlich die Shoa ermöglicht haben. Die normale Alltagsphantasie reicht nicht aus, sich diesen Abgrund des Furchtbaren vorzustellen.

Ich sehne mich zugleich nach Menschen, die emotional warm glauben, lieben und hoffen … und dabei aufgeklärt denken und Freude daran haben, dass wir eine funktionsfähige Vernunft geschenkt bekommen haben.

Was mich allerdings auch sehr traurig macht, ist, dass (wieder) fundamentalistische Christen die Nähe von rechten Positionen und seltsamen Verschwörungstheoretikern suchen oder zumindest akzeptieren.

Dabei wäre gerade in der Theologiegeschichte der christlichen Kirchen so viel Material zu finden, das hilft, Verschwörungstherien nicht nur abzulehnen sondern auch produktiv zu überwinden. Es ist dem aufgeklärten Christentum ja auch gelungen, die kollektive Verschwörungstheorien mit “Teufel, Satan und Dämonen” zu überwinden. Sie hatten letztendlich Inquisition, Folter und Ketzerverfolgung legitimiert und apokalyptische Untergangsphantasien befeuert. Durch verständnisvolles Nachfragen konnte die christliche Theologie sich selbst auf seine Grundlagen zu besinnen: Dass Gott der eine ist, der die sichtbare und unsichtbare Welt gut geschaffen hat und zu einem guten Ziel begleitet, ja führt.

Dieser vernünftig augeklärte und zugelich emotional warme Glaube könnte dann zu der Einsicht führen:

  1. Ja, es gibt das Gefühl, des Kontrollverlustes für Individuen und ganze Gesellschaften. Wird dieser Kontrollverlust noch mit einem Beziehungsverlust verbunden, entseht eine traumatisierende Situation. Die wiederum bringt Alarmreaktionen und dann auch Dissoziationen und Amnesien sowie den sogenannten “Totstellreflex” hervor. Mit diesen Reaktionen der Abspaltung kann keine differenzierte Antwort auf schwierige Situationen und anspruchsvolle Herausforderungen gefunden werden. Es gibt dann nur noch “Flucht”, “Kampf” oder “Erstarrung”. Die Welt wird dabei dualistisch aufgeteilt in Gut und Böse, Freund und Feind.
  2. Ja, es gibt tatsächlich Kontrollverluste. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, wie die Menschheitsfamilie mit kollektiven Problemen umgeht: Wie kann sie gemeinsam über Grenzen hinweg eine grenzüberschreitende Gefahr abwehren? Wie kann die Wirtschaft demokratisch gestaltet werden, so dass sie allen(!) Menschen dient … und nicht fast alle ihr? Wie können wir die Welt so gestalten, dass sie auch noch eine gute Heimat ist, wenn wir nicht mehr sind? … usw. usw.
  3. Es geht um die Frage, wie gewinnen wir als Menschheit souveräne Kontrolle über Prozesse, an denen wir alle beteiligt sind? Wie werden wir beziehungsfähig und selbstwirksam?
  4. Insofern, aufgeklärt und psychotraumatologisch betrachtet, führen uns die Verschwörungstheoretiker*innen zu den echten Fragen. Hoffentlich sind unsere Antworten besser, schneller, überzeugender, lösungsorientierter und ressourcenvoller als deren destruktive Kraft.

Ich bitte Gott um seinen Segen, damit wir Antworten finden, die menschen- und weltfreundlich sind, lösungsorientiert und zukunftsweisend. Dieses irrationale Moment, um Segen demütig zu bitten, brauchen wir, damit die Vernunft zu sich selbst finden und bei der Menschlichkeit bleiben kann.

Seid behütet, euer

Frank

Written by

Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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