Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten am 18.11.2020

Gestern war Österreich und die Corona-Pandemie Thema in den Tagesthemen im deutschen Fernsehen. Alle Zuschauer*innen von Flensburg bis zum Bodensee wissen nun, dass es dramatisch schlimm in Österreich sein muss.

Gestern war das Kleinwalsertal und die Corona-Pandemie Thema im Allgäuer Anzeigeblatt. Alle Leser*innen im Oberallgäu lesen nun, dass “Dunkle Wolken” das Kleinwalsertal heimsuchen.

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An den Berichterstattungen ist alles richtig. Das ist gar nicht mein Punkt. Aber ich finde schon, dass ein wichtiger Aspekt, nämlich die Ressourcen im Kleinwalsertal fehlen. Ich fühle mich als Pfarrer, als Seelsorger und auch als Kleinwalsertaler aufgerufen, dem Bild noch ein paar Farben zu verleihen, damit wir — weiterhin — gut mit den gegebenen Herausforderungen umgehen können. Wir brauchen Ressourcen — in unserer Seele und im Alltag, ja auch in der Wirtschaft.

Richtig ist nämlich neben den “dunklen Wolken” auch:

  • Ich habe heute lachende Augen und konzentriertes Lernen erlebt in der Notbetreuung in meiner Stammschule in Riezlern. Lehrer*innen sind da mit Einfühlung, Kompetenz und Leistungsfähigkeit.
  • Ich habe heute und in diesem ganzen Jahr seit meiner Kindheit in Schifferstadt und Würzburg-Lengfeld nie mehr so viele schöne Schmetterlinge entdeckt. Irgendetwas Gutes muss sich zurzeit in der Natur auch ergeben …
  • Ich beobachte, wie unser Bürgermeister die Anliegen der Bürger*innen frühzeitig wahrnimmt und auf wahrscheinliche Entwicklungen weit im Vorfeld vorbeugend hinweist, um dann im Hintergrund das Menschenmögliche zu tun, um Dinge zum Besseren zu wenden.
  • Ich nehme wahr, wie solidarisch die Talgemeinschaft trotz Distanz füreinander denkt und sorgt.
  • In ökumenischer Kooperation sorgen und erkundigen sich die Seelsorger der beiden großen Kirchen um Talbewohner. Dabei ist es egal, wie diese zur Kirche stehen.
  • Es gibt einen sehr gewissenhaften Corona-Krisenstab im Kleinwalsertal mit einem Hausarzt im Zentrum des Teams, der absolut genau, vorausschauend und zuverlässig arbeitet und kommuniziert.
  • Alle Kleinwalsertaler sind hervorragend informiert durch das lokale Infoblatt “Der Walser”.
  • Der Sozialdienst arbeitet absolut engagiert, beständig und kompetent. Das Gleich gilt für den Sozialreferenten der politischen Gemeinde.
  • Das Sozialzentrum ist nach wie vor Geborgenheit und Lebensfreude vermittelnde Heimat für die Bewohner*innen. Gottesdienste und seelsorgerliche Begleitung finden dort trotz Corona statt.
  • Das Tourismusbüro mit der zuständigen Managerin sondiert schon im Vorfeld höchst kooperativ, ob und wie ein Gottesdienst im großen Saal des Walserhauses am Heiligen Abend stattfinden kann. Spiritualität am Heiligen Abend soll mit Hygieneregeln und der wahrscheinlich starken Nachfrage von Einheimischen und Gästen gut vereint werden.
  • Es gibt hier eine wunderbare Natur und ebenso eine inspirierende Kunstausstellung in der Kreuzkirche. Alles kann auch einzeln genossen werden, ohne zu vereinzeln.
  • Es gibt engagierte Handwerker*innen, die auch in der Corona-Pandemie die Kreuzkirche reaparieren, energetisch effizient ertüchtigen und barrierefrei umbauen. Wer zwischendurch in Quarantäne muss, kommt danach einfach wieder und macht weiter, wo es angebracht ist. Alle begegnen sich dabei kooperativ und wertschätzend.

Ich benenne diese Ressourcen ganz bewusst als Seelsorger und als Traumatherapeut, weil ich glaube, dass wir sehr wohl wohlbehalten durch diese besondere Zeit kommen können.

Gott hat uns nämlich in den seltensten Fällen als Genie, mit Hochbegabungen oder als HeldINNen erschaffen. Wir sind meistens alle ziemlich normal. Aber er hat uns zugleich so gemacht, dass wir alle die nötigen Fähigkeiten haben, die wir zum Leben und auch für Krisen und Herausforderungen brauchen. Allerdings müssen wir sie wertschätzend miteinander kombinieren und vernetzten. Der Apostel Paulus kleidet diese Erkenntnis in das Bild von dem einen Leib mit den vielen verschiedenen Gliedern im 1. Brief an die Korinther im 12. Kapitel.

Ich glaube auch, dass Depressionen, Verzweiflung, Verschwörungstheorien und Zynismus trotz aller Unterschiede eine gemeinsam Schnittmenge haben, nämlich die seelische Entkräftung, die die Ressourcen nicht wahrnimmt, die da sind.

Ich finde es sehr passend, dass heute ein strahlend heller Tag im Kleinwalsertal war. Von wegen “dunkle Wolken”! Ich bin auch froh und dankbar, hier sein zu dürfen gerade in diesen Corona-Zeiten.

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Im Bärgunttal am Sonntag, 15.11.2020. Noch blauer war der Himmel heute.

Mein Vorschlag: Wir schauen wieder auf die Ressourcen, üben die Besonnenheit und orientieren uns neu. Dann gehen wir wieder zur Analyse der Dinge und der Umstände und werden mit Kraft und Liebe, die nötigen Entscheidungen treffen.

“Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft der Liebe und der Besonnenheit.” (2. Timotheus 1, 7)

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Evangelischer Pfarrer, Traumatherapeut und Biker im Kleinwalsertal

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