Lebenszeichen von Frank in Corona-Zeiten, 26.01.2021

Ich blicke zurück auf die Weihnachtszeit. Ja, ich war aufgeregt, nervös und ängstlich. Falls zu viele Menschen in die Gottesdienste gekommen wären, hätte ich ein Problem bekommen mit den Hygiene-Regeln.

Nun kamen aber sehr wenige … und ich war traurig und enttäuscht.

Zugleich könnte ich von meiner Grundaufgabe als Pfarrer sehr zufrieden sein: Die Presse hat mir in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach geholfen, Grundperspektiven des Glaubens zigtausendfach “unter’s Volk” zu bringen. Die breite Kommunikation des Evangeliums ist gelungen. Was Gott daraus macht, ist ihm in die Hände gelegt. I did my job.

Ich finde es richtig gut, mit der Presse in einer Kommunikationspartnerschaft zu sein. Ich schätze dabei den Kulturredakteur des Allgäuer Anzeigeblatts besonders. Manchmal lerne ich durch ein Pressegespräch mich, mein Denken und Wollen besser zu verstehen. Zugleich kann ich die Impulse, die mir wichtig sind, wieder zurückspielen. Zugleich finden diese dann oft den Weg in die breite Öffentlichkeit. Die Presse ist auch meine Kanzel.

Im Hinblick auf das Corona-Thema, die in’s Kraut schießenden und politisch wirksam werdenden Verschwörungstheorien sowie die nervige thematische Verflachung in den allabendlichen Berichterstattungen und Talkrunden habe ich meine Reflexion in der dritten Person zusammengefasst. Ich will dies hier mit euch teilen:

Zieh den Kreis nicht zu klein!

Die ethischen Wahrnehmungen in Zeiten der Pandemie stärker vernetzen!

Das Allgäuer Anzeigeblatt begleitete die differenzierte Wahrnehmung der Corona-Krise bereits im ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Gesprächspartner der Presse-Berichterstattung war auch Pfarrer Frank Witzel, der als Theologe und als Traumatherapeut im Hinblick auf das Pfingstfest darauf hingewiesen hat, wie wichtig eine differenzierte Sprache sowohl für den gesellschaftlichen Frieden als auch für die seelische Gesundheit einzelner Menschen ist. Sprachfindung, um Probleme zu überwinden, ist ein Element von Pfingsten, so der Geistliche.

Dieser Gesprächsfaden wurde rund um das Weihnachtsfest 2020 wieder aufgenommen. Dieses Mal ging es um „Ressourcen“, die guten seelischen, kognitiven und sozialen Kraftquellen, um die Differenziertheit der Sprache und die Breite der Wahrnehmungen in der Coronakrise pflegen zu können. Der Zugang zu Geborgenheit, Sicherheit und Selbstwirksamkeit, so der therapeutische Seelsorger, ermögliche ein vernetztes Denken, dass wichtig sei, um die die großen Gegenwartsprobleme meistern zu können.

„Die Kunst des Durchblicks“, wie das Allgäuer Anzeigeblatt am 5.1.2021 titelte, bestehe darin, aus einer Position der Angstfreiheit Probleme zu betrachten und anzupacken. Die Botschaft, die in den Symbolen und den Festen des Glaubens liege, könne hier eine entscheidende Hilfe sein, so der Kleinwalsertaler Gemeindepfarrer.

Das Allgäuer Anzeigeblatt berichtet zugleich immer wieder von den dramatischen Zuständen in den Flüchtlingsunterkünften auf dem Balkan, in Griechenland und anderswo. Sie müssen unter unmenschlichen Umständen auf dem Balkan, in Griechenland und anderswo den Winter überstehen. Durch diese Presseberichterstattung wird der Pfarrer nachdenklich und meint: „Besonders das Leid der Kinder müsse doch anrühren und zur Hilfe nötigen!“ Er selbst habe sich vor einiger Zeit an den bayerischen Staatsminister des Innern und an den Bundesinnenminister mit Unterstützung der Presse gewandt, um darauf hinzuweisen, dass ehrenamtliche Kapazitäten im Oberallgäu für die Aufnahmen von geflüchteten, unbegleiteten Minderjährigen vorhanden wären. Viele Menschen würden gern helfen und Not konkret abwenden.

Das Flüchtlingsnetzwerk Campact informiert dazu: „An der bosnisch-kroatischen Grenze sitzen Hunderte Geflüchtete in den Ruinen eines abgebrannten Lagers fest — bei Schnee und Minusgraden, ohne Aussicht auf Besserung. Deutschland könnte helfen, denn in vielen Städten stehen Unterkünfte leer. Doch Innenminister Seehofer (CSU) blockiert.“

Noch dramatischer wird die Analyse, wenn man die Berichterstattung aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen hinzunimmt. Dort waren Bilder zu sehen, wie sowohl Geflüchtete als auch Helfer*innen in den Flüchtlingslagern von Corona bedroht werden.

Leider wird aber in der Öffentlichkeit nicht artikuliert, wie das eine Thema das andere beeinflusst. Gerade hier, so der Traumatherapeut Witzel, zeige sich, ob unsere Gesellschaft in der Lage ist, vernetzt wahrzunehmen und komplexe Lösungen für ebenso komplexe Situationen zu suchen. Hierzu benötige man Angstfreiheit, damit nicht Leugnungen und Verdrängungen vernünftige Hilfe unmöglich macht.

Zum vernünftigen Blick auf komplexe Probleme gehört auch, dass zentrale Argumente genau analysiert und von verschiedenen Seiten betrachtet werden, so der Theologe. Frank Witzel, selbst ganz nachdenklich, gibt zu bedenken: „Es wäre gut noch einmal über die Altersstruktur und die viel zitierte „Übersterblichkeit“ bei Corona nachzudenken auf dem Hintergrund begrenzter Mittel in Hilfssystemen. Schon zum Beginn der Pandemie hatte sich die frühere Regionalbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und ständige Vertreterin des Landesbischofs, Susanne Breit-Kessler als Vorsitzende des Ethikrates in Bayern zu Wort gemeldet. Ihr zufolge müsse man auf jeden Fall eine Situation der „Triage“ vermeiden. Grundsätzliche ethische Überlegungen verbieten dies. Niemand darf in einem Krankenhaus in eine Situation kommen, entscheiden müssen, wer die lebensrettende Versorgung erhalte und wer nicht, wenn Betten, Medikamente oder Personal fehlt.

„Den Worten der ehemaligen Regionalbischöfin stimmte ich schon damals innerlich voll und ganz zu“, kommentiert Pfarrer Witzel.

„Allerdings“, so fährt er fort, „ist mir schon damals aufgefallen, dass diese klare ethische Position dennoch zu kurz greift. Eine Situation der „Triage“ ist im globalen Maßstab nämlich schon längst gegeben: Täglich sterben Menschen in den benachteiligten Ländern und Schichten durch die Kollateral-Schäden der Pandemie. Schon vor Monaten wurde mir dies im ersten Lockdown klar, als ich durch TV und Presse zum Beispiel die vielen Armen in Indien wahrgenommen habe. Sie wurden als Angestellte und billige Arbeitskräfte, die sich in den Häusern der Reichen um Kinder und Alltagsdinge kümmerten, wegen der Pandemie entlassen. Daraufhin standen sie dicht gedrängt auf den Bahnsteigen der großen Städte und warteten auf die Züge, die sie in ihr Heimatdörfer bringen sollten. Dort suchten sie nach Möglichkeiten des Lebens und Überlebens. In ihren Herkunftsdörfern verbreiten sie dadurch verstärkt auch das Virus auf dem Land.

Für mich bedeutet dies: Vor einer ethischen Entscheidungsbildung muss erst klar gemacht werden, wie groß oder auch wie klein der Rahmen ist, der Faktoren für die ethische Urteilsbildung liefert. Ich glaube auch, dass, so spröde wie es auch klingen mag, dies die Grundfrage von sehr vielen (Über)Lebensfragen der Menschheit ist.“

Die Augen des politisch denkenden Seelsorgers blicken funkelnd. Zugleich zeigen die Falten auf der Stirn auch eine Besorgnis, als eindringlich weiter ausführt:

„Zieh den Kreis nicht zu klein beim Nachdenken, was gut ist! Probleme sind vernetzt. Lösungen auch! Diese Grundüberlegung muss unbedingt im Bereich des Öffentlichen und des Politischen stärker kommuniziert werden. Es ist höchst problematisch, dass in TV-Talksendungen häufig immer wieder die gleichen Leute auftreten. Natürlich bringen diese nur ihren jeweils eigenen Horizont ein! So wird die ethische Urteilsbildung auch nur in dem jeweiligen Horizont, Kreis und Rahmen bleiben. Das ist stimmig für die jeweiligen Talkshow-Gäste. Allerdings tritt auf diese Weise automatisch eine Perspektivverengung ein. Ich merke: Mich langweilt und enttäuscht dieses verengte Format des eingeübten Diskurses. Ich will den kreativen Blick, um aus Problemen Projekte machen zu können. Die Welt braucht das! Die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder auch! Es käme jetzt wirklich darauf an, die Kreise nicht so klein zu ziehen.“

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